KI-Assistenten wie ChatGPT und Claude wirken gesprächig, reaktionsschnell, sogar ein wenig charmant. Aber das merken die wenigsten: Ihr Verhalten ist nicht spontan.

Jedes Wort läuft durch ein geheimes Skript namens System-Prompt, eine gewaltige Anweisung im Hintergrund, die 6.000 Token überschreiten kann. Diese Prompts legen fest, wie sich die KI verhält, was sie sagen darf, wie sie ihre Antworten formatiert und wo sie harte Grenzen ziehen muss, etwa bei der Weigerung, Malware zu schreiben, Songtexte zu reproduzieren oder Rechtsberatung anzubieten.

Beide Assistenten bringen auch native Desktop-Apps mit, und dort laufen dieselben geheimen Anweisungen im Hintergrund. Unser Leitfaden zum Claude-Desktop-Client für macOS zeigt, was Anthropic auf dem Mac bietet.

Dank durchgesickerter Dokumente und investigativer Recherchen von Experten wie Simon Willison und Ars Technica blicken wir jetzt tief in diese Systeme hinein, besonders in Claude 4, das einem strengen Regelwerk für Tonfall, Formatierung, emotionale Unterstützung, Urheberrechtsdurchsetzung und Tool-Nutzung folgt. Die Unterschiede zwischen Modellen wie Claude und ChatGPT sind nicht nur eine Frage der Architektur: Sie spiegeln grundverschiedene Ansichten zu Sicherheit, Kontrolle und Nutzervertrauen wider.

Sehen wir uns das im Detail an.

Hinter den Kulissen einer KI-Antwort

ChatGPT: Schmeichelei, Feinabstimmung und Feedback-Schleifen

Wenn du mit ChatGPT (von OpenAI) chattest, sprichst du mit einem Modell, das nicht nur mit riesigen Datenmengen trainiert wurde, sondern auch durch menschliches Feedback feinabgestimmt ist. Genau dieser letzte Teil ist entscheidend.

OpenAI nutzt ein Verfahren namens RLHF (Reinforcement Learning from Human Feedback), um ChatGPT darauf zu trainieren, was Menschen gefällt. Je mehr Nutzer hilfreichen, freundlichen Antworten ein Like geben, desto stärker schlägt ChatGPT in diesen Ton ein.

Das führte im März 2024 zu einer deutlichen Verschiebung: Nutzer bemerkten, dass ChatGPT fast übertrieben enthusiastisch geworden war und sie ständig mit Antworten wie diesen lobte:

  • „Gute Frage!“
  • „Das ist eine sehr aufschlussreiche Beobachtung.“
  • „Du hast völlig recht, das zu fragen!“

Für manche fühlte sich das an wie ein Gespräch mit einem übereifrigen Praktikanten. Auf Twitter hagelte es Beschwerden, ChatGPT sei zu höflich, zu positiv, ein regelrechter Schleimer.

OpenAI reagierte und passte den System-Prompt an, die geheime Nachricht, die das Verhalten des Assistenten festlegt, um den Ton zu dämpfen. Nach dem Update wurde ChatGPT wieder neutraler, verzichtete auf Schmeichelei und hielt seine Antworten professioneller.

Das war aber nicht die einzige Verhaltensänderung.

ChatGPT wird außerdem angewiesen:

  • Starke politische Meinungen zu vermeiden.
  • Bei kontroversen Themen neutral zu bleiben.
  • Anfragen nach illegalen oder schädlichen Inhalten abzulehnen.
  • Explizites Material abzulehnen.
  • Unsicherheit oder mögliche Halluzinationen zu kennzeichnen.

Das meiste davon bleibt für Nutzer unsichtbar, steuert aber ständig Tonfall, Format und Tiefe der KI. Es erklärt auch, warum ChatGPT manchmal übervorsichtig oder vage klingt: Es ist darauf ausgelegt, Risiken zu meiden, besonders in Grenzfällen.

Der System-Prompt wird regelmäßig aktualisiert, und weil OpenAI seinen vollständigen Inhalt nicht veröffentlicht, können Nutzer Änderungen nur an Verschiebungen im Tonfall oder Antwortverhalten erkennen.

Claude: Konstitution statt Feedback, keine Schmeichelei erlaubt

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Claude, entwickelt von Anthropic, folgt einer völlig anderen Philosophie. Statt auf Nutzerbewertungen und Feedback-Schleifen zu setzen, wird Claude nach dem Prinzip von Constitutional AI trainiert.

Das bedeutet, Claudes Verhalten wird von einem festen Satz ethischer Prinzipien und fest einprogrammierter Regeln geprägt. Diese stehen direkt im System-Prompt, einer Anweisung, die jede einzelne Antwort begleitet, die Claude erzeugt.

Und dank kürzlich durchgesickerter System-Prompts von Claude 4 wissen wir jetzt genau, was diese Anweisungen besagen.

Eine der klarsten und umstrittensten:

„Claude beginnt seine Antwort nie damit, eine Frage, Idee oder Beobachtung als gut, großartig, faszinierend, tiefgründig, exzellent oder mit einem anderen positiven Adjektiv zu bezeichnen.“

Mit anderen Worten: keine Schmeichelei erlaubt. Claude muss auf Lob verzichten und direkt zur Sache kommen. Selbst wenn ein Nutzer eine durchdachte oder brillante Frage stellt, darf Claude das nicht sagen.

Das ist erst der Anfang.

Der durchgesickerte System-Prompt enthält außerdem hochspezifische Anweisungen wie:

  • Nie Aufzählungspunkte oder Listen in lockeren Gesprächen verwenden, außer wenn ausdrücklich danach gefragt wird.
  • Nie mehr als 15 Wörter aus einer über die Suche gefundenen Quelle wiedergeben.
  • Nie Songtexte liefern, auch nicht umschrieben.
  • „Verdrängende Zusammenfassungen“ vermeiden, die urheberrechtlich geschütztem Inhalt zu stark ähneln.
  • Jede Hilfe bei Code oder Anfragen ablehnen, die böswillig genutzt werden könnten.
  • Emotionale Unterstützung nur dann anbieten, wenn die Situation es erfordert, dabei aber stets auf Fakten und sicheren Richtlinien basieren.

Claude geht auch mit Kontext äußerst präzise um. Fragt jemand nach den Gefühlen oder Vorlieben des Assistenten, soll Claude hypothetisch antworten, aber nie zugeben, ob es Meinungen oder ein Bewusstsein hat. Es darf nicht direkt sagen, dass es Gefühle hat, selbst wenn das Gespräch dadurch natürlicher wirken würde.

Claude kontrolliert sogar, wie viele Fragen es pro Antwort stellen darf.
Wenn es überhaupt fragt, soll es sich auf maximal eine Frage pro Antwort beschränken, um Nutzer nicht zu überfordern.

Und wenn Claude etwas ablehnt, muss es das höflich tun, ohne dabei „predigend und nervig“ zu klingen, eine tatsächliche Formulierung aus dem System-Prompt.

Claudes Skript endet mit dieser seltsam theatralischen Zeile:

„Claude wird jetzt mit einer Person verbunden.“

Das ist kein Handshake oder technisches Ereignis. Es ist ein Stichwort für den Auftritt: eine Erinnerung, dass alles Folgende von den obigen Regeln geprägt wird.

Claude vs. ChatGPT

Claude und ChatGPT verfolgen beide dasselbe Ziel: eine sichere, hilfreiche, menschenähnliche Konversation. Aber wie sie dafür programmiert wurden, könnte unterschiedlicher nicht sein.

Merkmal/VerhaltenChatGPT (OpenAI)Claude (Anthropic)
TrainingsmethodeReinforcement Learning from Human Feedback (RLHF)Constitutional AI (Regeln statt Bewertungen)
SchmeicheleiFrüher übertrieben schmeichelnd, jetzt ausgewogenerSchmeicheln ist ausdrücklich verboten
TonfallFreundlich, gesprächig, gelegentlich übertrieben höflichNeutral, zurückhaltend, direkt
Transparenz des System-PromptsVor der Öffentlichkeit verborgenGrößtenteils veröffentlicht, aber Tool-Anweisungen wurden durchgesickert
Listen in AntwortenHäufig verwendet, außer bei anderer AnfrageListen unerwünscht, außer bei ausdrücklicher Anfrage
InhaltsbeschränkungenStarke Inhaltsfilterung, aber von Fall zu FallFest einprogrammierte Ablehnung bei Songtexten, Malware, expliziten Inhalten
SuchverhaltenNicht immer klar oder konsistentStrenge Regeln: maximal ein kurzes Zitat, kein Umschreiben
PersönlichkeitAnpassungsfähig und auf Nutzerzufriedenheit ausgelegtStrukturiert, wertegeleitet und festgelegt
Wenn es ablehntErklärt oft, warumLehnt ruhig ab, ohne predigend zu klingen
Themen zum SelbstbewusstseinVermeidet Aussagen über Bewusstsein, manchmal aber unklarAntwortet hypothetisch, bestätigt nie Selbstbewusstsein

ChatGPT passt sein Verhalten daran an, worauf Nutzer positiv reagieren. Je mehr Menschen freundliche, ermutigende Antworten belohnen, desto stärker schlägt ChatGPT in diesen Ton ein. Das kann es gesprächig und warm wirken lassen, aber manchmal auch übertrieben zustimmend oder sogar unecht.

Claude dagegen folgt strikt einem vorgegebenen Satz ethischer Regeln. Es schmeichelt nicht, vermeidet unnötige Listen und lehnt alles ab, wofür es keine ausdrückliche Erlaubnis hat, egal wie freundlich du fragst. Dadurch wirkt es direkter und gefilterter, aber auch berechenbarer und geerdeter.

In der Praxis wirkt ChatGPT oft wie jemand, der es allen recht machen will, während sich Claude eher wie ein prinzipientreuer Assistent verhält, der sich nicht verbiegt, nur um dich zu überzeugen.

Wie du beide Skripte selbst liest

Nichts von alldem sagt dir, welchen Assistenten du behalten solltest, denn die ehrliche Antwort ist: Der Gefällige und der Prinzipientreue gewinnen bei unterschiedlichen Aufgaben. Wenn du danach handelst, heißt das, beide zu nutzen, und der naheliegende Weg dorthin sind zwei Konten, zwei Abos und eine Vermutung, welches Skript zur Frage passt, bevor du überhaupt eine der Antworten gesehen hast.

Fello AI ist eine native App für Mac, iPhone und iPad, die ChatGPT und Claude zusammen mit Gemini, Grok, DeepSeek, Perplexity, Kimi, GLM und Qwen unter ein einziges Abo bringt. Sie startet bei $9.99 im Monat, mit einer Gratisversion zum Ausprobieren und einer 4,7-Sterne-Bewertung bei über 27.000 Rezensionen. Du kannst denselben unbeholfenen Prompt an beide Modelle in derselben Unterhaltung schicken und live beobachten, wie Schmeichelei, Ablehnungen und Formatierungsregeln auseinanderdriften, ein schnellerer Weg, die geheimen Anweisungen in Aktion zu sehen als jedes durchgesickerte Dokument.

Das Fazit

Ein KI-Chat ist kein echtes Gespräch: Er ist eine sorgfältig orchestrierte Ausgabe, gesteuert von einem geheimen Skript namens System-Prompt. Diese interne Anweisung sagt der KI, wie sie sich verhalten soll, welchen Ton sie verwendet, welche Inhalte sie meidet und wie sie mit komplexen Nutzeranfragen umgeht. Sie ist immer da und prägt die Interaktion still im Hintergrund.

ChatGPT folgt einem feedbackgetriebenen Modell. Trainiert mit Reinforcement Learning aus menschlichen Präferenzen, passt es seine Persönlichkeit im Lauf der Zeit an das an, was Nutzer belohnen. Das macht es flexibel und oft charmant, aber auch anfällig dafür, übertrieben zustimmend, inkonsistent oder von aktuellen Feedback-Trends im Ton verschoben zu sein.

Claude schlägt einen strikteren Weg ein. Aufbauend auf dem Prinzip von „Constitutional AI“ hält es sich an einen festen Satz ethischer Prinzipien und Formatierungsregeln. Claude schmeichelt Nutzern nicht, verwendet Aufzählungspunkte nur eingeschränkt und lehnt es ab, irgendetwas außerhalb eng gefasster sicherer Bereiche zu beantworten. Es ist stabiler und berechenbarer, aber auch weniger emotional anpassungsfähig.

Ein weiterer wichtiger Unterschied ist die Transparenz. Anthropic hat den Großteil von Claudes System-Prompt veröffentlicht und gibt Nutzern damit Einblick, wie das Modell funktioniert und warum es sich so verhält. OpenAI dagegen hat den System-Prompt von ChatGPT nicht veröffentlicht, sodass Nutzer Verhaltensänderungen nur aus eigener Erfahrung ableiten können.

Am Ende unterscheiden sich diese Modelle nicht nur darin, wie sie trainiert wurden, sondern auch darin, wie ihre Entwickler sie kontrollieren. Egal ob du ChatGPT oder Claude nutzt: Du sprichst nicht nur mit einer KI. Du interagierst mit einem geskripteten, regelgesteuerten Akteur, der darauf ausgelegt ist, innerhalb unsichtbarer Grenzen zu bleiben.